VON ANDREAS UNTERBERG
Selbstliebe und Liebe, nach innen und nach außen, das ist dem gebürtigen Russen sehr wichtig.
Am Ende oder auch am Anfang des Regenbogens, da findet man bekanntlich Goldtöpfe. Doch, wer genauer hinschaut, der findet dort einen jungen Musiker aus Berlin. MKSM, das ist Maksim, ein vielseitiger Künstler, der als Sänger, Songwriter, Geiger und Aktivist tätig ist. Er hat einen beeindruckenden Lebensweg von Russland über die Ukraine und Frankfurt nach London hinter sich, bevor er nach Berlin zog.
Bekannt für seine Kampagnensongs für LGBTIQ* -Organisationen trat er 2020 auf der European Highlight Stage des virtuellen Global Pride auf. Im Jahr 2021 veröffentlichte er seine erste EP "High on Lows", 2022 folgte die zweite EP "Feelings of a Misfit" in Zusammenarbeit mit Milch Musik, dem Label von Rosenstolz-Sänger Peter Plate.
MKSM wurde von Deezer als einer der aufstrebenden Künstler in Deutschland gefeiert und auch ARD Brisant, rbb Studio 3 und der Hessische Rundfunk widmeten sich seinem Schaffen, inklusive der Dokumentation "Queertopia". 2023 wurde MKSM zu einem der meistgebuchten Künstler auf deutschen Pride-Veranstaltungen und veröffentlichte erneut in Kooperation mit Milch Musik. Seine Single "Loving Myself" wurde als die "CSD Hymne des Jahres" gefeiert wurde.
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Erzähl doch gerne mal was über deine frühen Jahre? Wie bist du aufgewachsen?
Ich bin in Russland - in Kasan - geboren. Als Kleinkind bin ich mit meinen Eltern in die Ukraine gezogen, dort habe ich auch den ersten Geigenunterricht bekommen. Als ich zehn Jahre alt war, sind wir nach Deutschland gezogen. Meine Kindheit und Jugend waren voller Musik: Jugendorchester, Geigen- und Gesangsunterricht, „Jugend Musiziert“ und natürlich der Traum von der großen Bühne.
Wie fühlt es sich für dich an, als Russe ein queerer Künstler zu sein? Dein Werdegang hat dich von Russland über die Ukraine bis nach Deutschland geführt – wie beeinflusst deine kulturelle Vielfalt deine Kunst und deine Botschaft als Künstler?
Ich liebe Musik aus Russland, aus der Ukraine, aus UK und auch aus Deutschland - ich lasse mich sowohl von Releases auf Russisch, Deutsch als auch auf Englisch begeistern und beeinflussen. Die Situation von LGBTIQ* in Russland wird immer schlimmer - die Entwicklungen sind absolut rückschrittlich. Und das bestärkt mich umso mehr, queere Themen anzusprechen und dabei auch von meiner Herkunft zu erzählen. Auch wenn mir absolut bewusst ist, dass das nur ein kleiner Beitrag ist, im Vergleich zu den zahlreichen Aktivist*innen, die in Russland auf die Straße gehen.
Du hast Kampagnensongs für LGBTIQ+ Organisationen geschrieben. Wie wichtig ist es für dich, deine Musik als Plattform für gesellschaftliche Themen und Aktivismus zu nutzen? Was möchtest du mit deinen Songs bewirken?
Ich will echte Geschichten erzählen - ich will queere Themen ansprechen. Nur so kann ich als Künstler authentisch sein. Ich bin ein stolzes Mitglied der queeren Community und will gerade für junge queere Menschen der Künstler sein, den ich mir als Teen gewünscht hätte.
Ich möchte mit meinen Songs einen Teil dazu beitragen, dass queeres Leben und queere Liebe Sichtbarkeit und somit auch mehr Akzeptanz bekommt.
Du hast in verschiedenen Städten gelebt, darunter Frankfurt, London und Berlin. Inwiefern hat das Leben in diesen unterschiedlichen Städten deine künstlerische Entwicklung beeinflusst? Gibt es eine Stadt, die dich besonders inspiriert hat?
In Frankfurt habe ich an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst Geige und Gesang studiert - das war die erste Stadt, in der ich ausschließlich Musik gemacht habe und dort hab ich auch meinen Mann kennengelernt! Ich liebe Frankfurt <3. London war für mich unheimlich wichtig, um mich als Künstler zu finden - wobei der Prozess ja nie so ganz abgeschlossen ist. Ich habe da viel an meinem Songwriting gearbeitet und ja, London ist einfach eine so beeindruckende Stadt. Und mit dieser Vorbereitung kann ich jetzt mein Künstler-Dasein in Berlin voll und ganz ausleben. In Berlin habe ich meine Produzenten kennen gelernt und natürlich angefangen mit Milch Musik zu arbeiten.
Deine EP „Feelings of a Misfit“ wurde von Milch Musik, dem Label von Peter Plate und Ulf Leo Sommer, veröffentlicht. Wie hat sich diese Zusammenarbeit auf deine Musik und Karriere ausgewirkt? Was kannst du uns über die Entstehung dieser EP erzählen?
Peter und Ulf sind einfach queere Ikonen und vor allem fantastische Songwriter. Als ich angefangen habe mit meinen Produzenten an meiner zweiten EP zu arbeiten, hatte ich ein klares Ziel - ich will die Demos Peter schicken. Das habe ich dann auch getan - nach ein paar Mails haben wir uns getroffen und entschieden zusammenzuarbeiten. Bei der Entstehung der EP haben sie mich eher beratend unterstützt und mir immer wieder den Mut gegeben, Themen anzusprechen, die ich ansprechen will! Zum Beispiel befindet sich auf der EP der Track „Part of me“, in dem ich von meinem Weg und Umgang mit dem Stottern erzähle. Die Veröffentlichung dieses Songs hat dazu geführt, dass ich Ende September ein Konzert beim Bundeskongress Stottern und Selbsthilfe spielen werde. Ich habe mich auch zum ersten Mal getraut in meinen Lyrics von einem „boy“ zu singen. Die Zusammenarbeit mit Milch Musik hat mir unheimlich geholfen, mich als queeren Künstler zu positionieren! Es fühlt sich sehr gut an, solche erfahrenen Künstler als Supporter zu haben und wenn ich Rat brauche, kann ich Peter immer anrufen.
Deine Musik wird von vielen als frisch, innovativ und ansprechend für die queere Community beschrieben. Wie gehst du mit der Verantwortung um, die mit deiner Rolle als Vorbild für andere einhergeht?
Ich sehe mich nicht als Vorbild, aber wenn ich jemanden auf seinem*ihrem Weg bestärken kann, dann freue ich mich natürlich darüber. Dazu fällt mir eine Geschichte ein:
Ende 2021 habe ich ein Konzert in Bielefeld gespielt und im Publikum war ein junger Supporter, der genauso wie ich als Spätaussiedler nach Deutschland kam. Er hatte mir erzählt, dass meine Musik ihn zum Coming-Out ermutigt hat. Und auch wenn sein Coming-Out in seinem näheren Umfeld nicht gut angenommen wurde, steht er zu sich und hat dieses sogar mit einem tollen Team einen eigenen CSD gestartet - das macht mich soooooo stolz!
Du wurdest als einer der interessantesten Newcomer in Deutschland bezeichnet. Wie gehst du mit diesem Lob und den Erwartungen um, die an dich als aufstrebender Künstler gestellt werden?
Diese Worte kamen von Deezer - gerade von einem Streaming-Dienst solche Worte zu hören, ist toll. Streaming ist heutzutage so wichtig und gerade als Newcomer ist es so verdammt schwer in Editorial Playlists zu kommen. Aber 2023 habe ich die ersten Platzierungen bekommen und darauf bin ich sehr stolz. Aber da geht noch mehr :)
Im Jahr 2023 warst du der meistgebuchte Pride-Künstler aus Deutschland. Was bedeutet es für dich, auf solch bedeutsamen Veranstaltungen auftreten zu können? Welche Botschaft möchtest du an die LGBTIQ*-Community und ihre Verbündeten vermitteln?
Die Pride-Bühnen waren die ersten, die mich mit offenen Armen empfangen haben. Ich bin dafür sehr dankbar: Für und mit der queeren Community und Allies für Liebe und Gleichberechtigung auf die Straße zu gehen, für Sichtbarkeit zu sorgen aber auch die Erfolge in der queeren Bewegung zu feiern - das bedeutet mir sehr viel!
Deine Single „Loving myself“ wurde als „CSD Hymne des Jahres“ bezeichnet. Welche Bedeutung hat dieser Titel für dich persönlich? Wie entstand die Idee für diesen Song?
CSD Hymne des Jahres - das klingt natürlich mega! Es ist sehr schön zu sehen, dass die eigene Kunst in den queeren Medien gut angenommen wird. Und im Video wurde ich von Jochen Schropp unterstützt - das Video gibt es natürlich bei Youtube - da hatte ich auf jeden Fall einen kleinen Fan-Boy-Moment. Ich habe den Song mit Linda Stark und Thilo Wehrmann im Dezember 2022 geschrieben und ich kann mich noch so gut erinnern, wie ich mit der Demo-Version im Ohr nach Hause gefahren bin und extra ein paar Haltestellen vorher ausgestiegen bin, weil ich vor Aufregung laufen musste. :)
Als Künstler hast du sicherlich viele Ziele und Träume. Gibt es ein bestimmtes Projekt oder eine Zusammenarbeit, die du dir für die Zukunft wünschst?
2024 will ich noch mehr internationale Prides spielen. Außerdem will ich Ende 2024 eine erste kleine eigene Tour spielen. Und ja - der ESC wäre auch eine Bühne, zu der ich keinesfalls nein sagen würde.
Abschließend: Welchen Rat möchtest du anderen jungen, queeren Künstlern geben, die ebenfalls ihre Leidenschaft und Botschaft durch ihre Kunst ausdrücken möchten?
Versucht euch nicht zu sehr von den vermeintlichen Regeln zu beeinflussen. Sprecht Themen an, die euch wichtig sind. Queere Künstler*innen haben es so schwer im Pop-Business und deswegen: Seid stolz - auf jeden kleinen Erfolg!