SOMMERAUSGABE
02 I 2023
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DIE VIELFALT ALS GEWINN FEIERN

© Pexels-Alexander-Grey

Pride Month: Dieser findet üblicherweise im Juni statt, um an die Stonewall-Aufstände von 1969 zu erinnern

VON ANDREAS UNTERBERG

Viele Regenbögen schimmern einem aktuell entgegen, beim Spaziergang durch Oldenburg oder auch beim Blick in die sozialen Medien. Viele Unternehmen, Organisationen und Verbände, sogar die Bundesregierung, haben den Regenbogen im Juni in ihr Logo aufgenommen. Böse Zungen vermuten vielerorts ein sogenanntes „Rainbow Washing“. Sich also aus Image-Gründen nur kurz im Juni um die Belange der Regenbogen-Community zu kümmern und ab dem ersten Juli wieder zur Tagesordnung überzugehen. Viele stören sich sogar an der Unterstützung an sich. „Unwichtig“, „Paradiesvögel“ oder „wen interessiert das?“ liest man immer wieder. Menschen neigen dazu, Dinge, die nichts mit Ihnen persönlich zu tun zu haben, als unwichtig abzutun. Und dennoch können Sie durchaus für andere Menschen von Bedeutung sein. Elf Prozent der Deutschen definieren sich als Teil der LGBTIQA+-Community. Das sind immerhin 9,1 Millionen Menschen. Im Pride Month und eigentlich auch das gesamte Jahr über sollte es um eine Grundhaltung gehen, ein Menschenbild, das Vielfalt als Mehrwert sieht, Unterschiedlichkeit als Gewinn. 8,2 Milliarden Menschen weltweit bringen ein enormes Potential mit. Wenn man dieses Potential begreift und die Unterschiede nicht zum Anlass für Ausgrenzung und Diskriminierung sieht und nicht versucht diese Unterschiede, die manchmal auch ein fremdes Gefühl hervorrufen können, zu beseitigen, dann haben alle gewonnen.

Stonewall-Proteste von 1969

Im Pride Month wird die LGBTIQA+-Community weltweit gefeiert und es werden Veranstaltungen, Paraden, Demonstrationen (Christopher Street Days) und kulturelle Aktivitäten abgehalten. Der Pride Month findet üblicherweise im Juni statt, um an die Stonewall-Aufstände von 1969 zu erinnern, die als wichtiger Meilenstein für die LGBTIQA+-Rechte gelten.

New York City in den 1960er Jahren war der Schauplatz eines der spektakulärsten Aufstände der Moderne und markierte den Beginn der weltweiten Lesben- und Schwulenbewegung. In Greenwich Village befand sich die Christopher Street, wo das Stonewall Inn, eine Szenebar, stand. Ursprünglich ein Restaurant, wurde das Gebäude ab 1966 als Treffpunkt für Schwule und Lesben genutzt. Diese Zeit fiel zusammen mit dem Vietnamkrieg und dem Höhepunkt der Frauen- und Menschenrechtsbewegung in den USA. Gleichzeitig war Homosexualität noch in allen US-Bundesstaaten außer Illinois illegal und wurde strafrechtlich verfolgt. Polizeirazzien waren landesweit an der Tagesordnung.

In der Nacht zum 28. Juni 1969 ereignete sich auch auf der Christopher Street im Stonewall Inn ein einschneidendes Ereignis. Acht Polizisten betraten das Gebäude und begannen willkürlich Besucher festzunehmen, darunter viele Dragqueens und Angestellte. An diesem Tag waren außergewöhnlich viele Schwule in der Stadt, da kurz zuvor die Schauspielerin Judy Garland, eine Ikone der Bewegung, beerdigt worden war. Neben Homophobie könnte auch Rassismus ein weiterer möglicher Grund für die Razzia gewesen sein, da zahlreiche schwarze und lateinamerikanische Gäste die Bar besuchten.

Doch dieses Mal verlief alles anders als zuvor. Die Gäste des Stonewall Inn wehrten sich gegen die Polizei und legten damit den Grundstein für die Stonewall-Inn-Proteste, die fünf Tage lang andauerten. Diese Ereignisse sollten schließlich zu einer neuen öffentlichen Wahrnehmung der LGBTIQA+-Bewegung führen, also der Bewegung für Lesben, Schwule, Transsexuelle, Bisexuelle, Intersexuelle und Queere Menschen.

In den folgenden Tagen strömten immer mehr Menschen in die Christopher Street, und schon bald standen rund 2000 Demonstranten etwa 400 Polizisten gegenüber.

Die Auswirkungen der Proteste waren bedeutend. Einen Monat nach den Ereignissen organisierte man einen Gay March vom Washington Square zum Stonewall Inn. Bereits ein Jahr später fanden landesweit in den großen Städten die sogenannten Christopher Street Days statt, bei denen für die Rechte der LGTBIQ-Bewegung demonstriert wurde.

Seit dem Jahr 2000 hat das Stonewall Inn den Status einer National Historic Landmark erhalten, was bedeutet, dass es ein Ort von besonderer historischer Bedeutung ist. Der frühere US-Präsident Barack Obama hat im Christopher Park, direkt gegenüber dem Stonewall Inn, wo sich auch das Gay Liberation Monument befindet, das Stonewall National Monument als Gedenkstätte eingerichtet. Dank der mutigen Gäste der Bar am 28. Juni 1969 und der Solidarität vieler Menschen in den folgenden Tagen konnte sich die Lesben- und Schwulenbewegung aus dem Strudel jahrelanger Diskriminierung und Unterdrückung befreien und setzte damit ein wichtiges Signal in die ganze Welt.


ZUR INFO ...

LGBTIQA+ steht für eine Vielzahl von Identitäten innerhalb der sexuellen Orientierung und Geschlechtsidentität. Jeder Buchstabe repräsentiert eine Gruppe von Menschen, die unterschiedliche sexuelle Orientierungen oder Geschlechtsidentitäten haben. Hier ist eine Erklärung für jeden Buchstaben:

L Lesbisch
Frauen, die romantische oder sexuelle Anziehung zu anderen Frauen haben. 

G Schwul
Männer, die romantische oder sexuelle Anziehung zu anderen Männern haben. 

B Bisexuell
Personen, die romantische oder sexuelle Anziehung zu Personen aller Geschlechter haben. 

T Transgender
Personen, deren Geschlechtsidentität nicht mit dem ihnen bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht übereinstimmt. 

I – Intersex
Personen, deren körperliche Merkmale nicht eindeutig den traditionellen männlichen oder weiblichen Geschlechtsnormen entsprechen. 

Q Queer
Eine Überkategorie, die Menschen einschließt, die sich außerhalb der heterosexuellen oder cisgender (nicht-transgender) Normen identifizieren, oder Menschen, die noch dabei sind, ihre sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität zu erforschen und zu definieren. 

A Asexuell
Personen, die keine sexuelle Anziehung oder ein geringes sexuelles Verlangen verspüren.

Plus
Repräsentiert weitere Identitäten innerhalb der Community, die nicht durch die anderen Buchstaben abgedeckt sind.

Es ist wichtig zu beachten, dass die Abkürzung LGBTIQA+ nicht statisch ist und im Laufe der Zeit erweitert oder angepasst werden kann, um die Vielfalt und die sich entwickelnden Bedürfnisse der Community widerzuspiegeln.