Können du uns etwas über deine Kindheit/Jugend und deinen familiären Hintergrund erzählen?
Ich komme aus einem kleinen Dorf in Unterfranken. Bis ich mit 20 Jahren, nach meiner Ausbildung zum Friseur, nach Köln gezogen bin. Ich hatte das große Glück, dass meine Familie voller Akzeptanz und Support war. Ob ich mich als Prinzessin verkleidet habe, nicht ohne meine Arielle-Puppe in die Badewanne ging oder aber auch Karate gemacht habe und bei der Freiwilligen Feuerwehr war. Aber auch, wenn ich gefühlt jede Minute, die ich zuhause war, am Singen war.
Du hast zweimal bei „Das Supertalent“ teilgenommen, einmal 2010 und erneut 2014. Was hat sich zwischen diesen beiden Auftritten für dich geändert?
2010 war ja eher ein „Gag“. Hätte mir früher jemand gesagt, ich würde mal als Drag (oder Travestiekünstler*in) auf die Bühne gehen, hätte ich ihn sehr wahrscheinlich für verrückt erklärt. Durch den Kölner Karneval bin ich als „LADY GAGA“ verkleidet auf die Piste gegangen und das kam ziemlich cool an. Bis mich ein befreundeter Veranstalter gefragt hat: „Hey, du singst doch?! Hättest du nicht mal Lust, auf meiner Party als Lady Gaga - Double zu performen?“ Gesagt, getan! Irgendwie wurde die Produktionsfirma von DAS SUPERTALENT auf mich aufmerksam und hat mich 2010 dann zum Casting eingeladen. Das war ja dann auch erst die Entstehung von Marcella. Es folgten danach viele Auftritte, und ich habe immer mehr Spaß daran gefunden. Es war etwas Außergewöhnliches und ich habe immer mehr gemerkt, dass „Marcella“ auch ein Sprachrohr für (m)eine Community ist. Da war ich dann 2014 schon wesentlich routinierter. Durch den Sieg von Conchita Wurst beim ESC bin ich bei einem Event in Köln als Conchita-Impersonator aufgetreten… Dieser Auftritt fand seinen Weg in die sozialen Medien und die Produktionsfirma meldete sich erneut, ob ich nicht nochmal vor Dieter & Co treten möchte. Und ich dachte mir: „Warum eigentlich nicht?“
Wie hat der Gewinn von „Das Supertalent“ Deine Karriere und dein Leben verändert?
Durch den Gewinn von DAS SUPERTALENT hat sich natürlich extrem viel in meinem Leben verändert. Zu der Zeit war Social Media noch nicht soweit wie heute und man musste extrem kämpfen um als Künstler überhaupt stattzufinden. Ich konnte mich auf meine Leidenschaft zur Musik konzentrieren und kam ordentlich im deutschsprachigem Raum rum. Aber auch Performances in Las Vegas waren natürlich ein absolutes Highlight der damals noch jungen Marcella (lacht). Aber natürlich wusste ich: das ist das was ich machen will! Auf der Bühne stehen und Augen zum Strahlen bringen, Menschen mit meiner Musik etwas geben.
Wie kamst du dazu, als Drag-Künstler aufzutreten?
Durch den Kölner Karneval. Mehrere Freunde und ich hatten uns Kostüme überlegt, bis wir darauf kamen, die Gendergrenzen zu sprengen und als berühmte Frauen zu gehen. Meine Wahl fiel direkt auf “Lady Gaga”. Blonde lange Haare mit Pony, große Sonnenbrille und ein hautenger Body. Mehr hat es nicht gebraucht - perfektes Kostüm für mich. So folgten dann die ersten Auftritte und ich kam zum Kulturschock Köln. Eine offene Bühne für jedermann und ich konnte jeden Sonntag in eine neue Rolle schlüpfen. Das hat mir verdammt viel Spaß gemacht.
Was bedeutet die Kunstform Drag für Dich persönlich?
Drag bedeutet für mich Freiheit von gesellschaftlich aufgelegten Korsetts. Ein Mann hat so und so zu sein, sonst ist er kein Mann. Das ist natürlich absolut Toxisch. Es braucht ordentlich “Eier”, um sich so auf eine Bühne zu stellen. Außerdem macht es mich unheimlich glücklich zu sehen, was “Marcella” bei anderen Menschen auslöst. Es gibt kein schöneres Gefühl, zu wissen, dass man Menschen eine tolle Zeit schenkt und sie aus dem vielleicht auch grauen Alltag fliegen lässt.
Wer oder was inspiriert Dich bei Deinen Auftritten und Deinem Stil?
“Marcella” ist mittlerweile eine eigenständige Figur. Was mit “Double” - Geschichten begann, entwickelte irgendwann ein Eigenleben. Inspiriert haben mich schon immer starke Frauen der Popmusik die sich dem Patriachat entgegenstellt haben. Madonna, Cher, P!nk, Lady Gaga - alle haben sie eins gemeinsam: sie haben immer provoziert, weil sie nicht der Norm entsprachen. Ich denke auch, dass sie genau deswegen auch queere Ikonen sind.
Was war der Grund für die Namensänderung von „Leonie Lickit“ zu „Marcella Rockefeller“?
Leonie Lickit wurde ich im Kulturschock Köln getauft. Das war damals so, wenn man als neue Kollegin in so ein Ensemble kommt - dass die anderen einen taufen. Zuvor hatte ich allerdings mit einem guten Freund schon überlegt, wie wir heißen könnten, WÜRDEN wir denn jemals DragQueens sein… Wir haben lediglich unsere Vornamen “verweiblicht”, die Nachnamen sollten einfach cool und reich klingen. So kam ich auf Marcella Rockefeller. Und irgendwann war einfach der Drang da, dass meine Kunstfigur auch “meinen” eigenen Namen trägt.
Welche Botschaften möchtest Du durch Deine Arbeit als Marcella Rockefeller vermitteln?
Wie schon gesagt, ich habe recht schnell gemerkt, dass Marcella ein Sprachrohr für mich wurde. Wenn jemand wie ich auf der Bühne steht - schaut man hin. Ich bin kein großer Redner, doch möchte ich die Aufmerksamkeit nutzen bei meinen Auftritten auf die Missstände hinzuweisen die in unserer Gesellschaft stattfinden. Wir müssen miteinander sprechen, Brücken bauen, denn Ausgrenzung falsch. Sowohl innerhalb der Community als auch mit Menschen, die irgendwelche Lebensweisen nicht verstehen. Ich glaube an die Kraft der Worte und des Miteinanders. Und das Ganze im REALEN Leben und nicht auf Social Media. Wie vergiftet die Stimmung auf Plattformen wie Facebook, Twitter & Co ist, finde ich furchtbar. Die Diskussionen, die dort stattfinden, führen ins nichts. Deswegen sollte man miteinander reden, offen seinem gegenüber sein und Sichtweisen erklären.
Was sind einige der größten Herausforderungen, denen Du als Drag-Künstler in der Öffentlichkeit gegenüberstehst? Wie wichtig ist hier der Pride-Month oder generell auch die Pride-Demonstrationen?
Eine der größten Herausforderungen für mich ist natürlich, dass ich immer Angst habe. Angst vor Anfeindungen, Angst vor physischer Gewalt. Viele Kolleg*innen wurden schon krankenhausreif geprügelt mit den schlimmsten psychischen Folgen. Einfach nur, weil man ist, wer man ist. Deswegen sind auch Prides so wichtig. Wir sehen es aktuell bei den Ergebnissen der Europawahl. Menschen kommen an die Macht, die über Menschen wie mich richten möchten. Der Kampf der queeren Bewegung geht jetzt schon über 50 Jahre. In Deutschland scheint es, als würden wir schon sehr weit sein. Ich war gerade beim ersten CSD in Köthen dabei und muss ehrlich sagen, so eine Art der Angst habe ich in meinem Leben noch nicht gespürt. Hass und Übergriffe sind leider auch dort an der Tagesordnung. Die Prides sind wichtige Tage, es sind mitunter die einzigen Tage im Jahr, an denen wir uns sicher auf die Straße trauen. Weil wir eine Gemeinschaft sind. Verständnis haben und aufeinander achten. Umso mehr freue ich mich, dass immer mehr Menschen außerhalb der Community mit auf die Demonstrationen gehen, um auch dem letzten Hater zu zeigen - wir sind nicht allein und Liebe ist niemals falsch.
Könnest du uns etwas über die Zusammenarbeit mit Produzenten wie Oliver deVille und Peter Plate erzählen?
Mit Oliver DeVille habe ich direkt nach dem Supertalent 2010 eine Single veröffentlicht. Nils Brand hat 2015 mit mir meine allerersten Deutschsprachigen Songs produziert - das war eine aufregende Zeit, weil ich zu dem Zeitpunkt dachte - kein Mensch hört deutsche Musik, doch ich fand immer mehr Gefallen daran. Peter Plate wurde 2019 über Instagram auf mich aufmerksam. Da bin ich fast in Ohnmacht gefallen, als er mir anfing zu „folgen“ und ich dann eine Privatnachricht von ihm bekam, wie toll er findet, was ich mache und gerne mit mir arbeiten würde. Mittlerweile sind wir sehr gute Freunde, ja ich würde schon sagen Familie, arbeiten seit 4 Jahren zusammen und er sowie auch Ulf Leo Sommer finden Marcella toll, weil es eben nicht um die genormte Schönheit geht, sondern viel mehr um die Aussage hinter dem Act.
Welche Bedeutung haben Deine Songs und Alben für Dich und Deine Karriere?
Ich habe mal gelesen “Musik drückt aus, was mit Worten nicht gesagt werden kann”. Ich bin ein recht sensibler Mensch. Mir fällt es oft schwer im Alltag die richtigen Worte zu finden. Ich habe als Kind die Musik von Rosenstolz mit der Muttermilch aufgenommen. Die Texte von Peter Plate, Ulf Leo Sommer und AnNa R. haben mir in den dunkelsten Momenten Kraft zum Überleben gegeben. Die Zusammenarbeit mit Peter und Ulf ist somit also das Größte, was mir passieren konnte. Das nun an Menschen weiterzugeben die meine Musik hören, und dass es ihnen ähnlich Kraft gibt wie mir damals, ist mehr wert als alles Geld der Welt.
Welche aktuellen und zukünftigen Projekte stehen bei dir an?
Aktuell finalisiere ich mein Album. Wir arbeiten an neuen Singles, an neuen Gigs und wer weiß, vielleicht auch eine kleine Akustik-Tour. Da hätte ich sehr große Lust drauf. Ich arbeite aber auch “hinter” den Kulissen im wunderschönen Theater des Westens in Berlin an den Musicals Ku’damm 59, Romeo & Julia - Liebe ist Alles und lerne wahnsinnig viel. Ich glaube gerade als Künstler ist es wichtig zu wissen, wie alles Hand in Hand läuft. Technik, Bühne, Licht, Sound, alles kleine Zahnräder die nur miteinander laufen. TEAMWORK eben.
Was sind Deine langfristigen Ziele als Künstler und als Person?
Am liebsten würde ich das, was ich tue, für immer machen. Die Musik ist mein Safe Space. Der Raum, in dem ich mich sicher fühle. Und wenn ich Menschen dieses sichere Gefühl weitergeben kann, gerade in den rauen Zeiten in denen wir aktuell leben. Liebe, Trost, Hoffnung - aber eben auch Unterhaltung - braucht der Mensch. Immer.
Wie bleibst du in der schnelllebigen Unterhaltungsbranche motiviert und kreativ?
Eine durchaus spannende Frage. Ungelogen, es ist schwer. Gerade in den Zeiten von Social Media. Klar, jeder hat jetzt die Möglichkeit stattzufinden. Man kann sich Fans und Reichweite aufbauen. Das sind durchaus positive Aspekte. Auf der anderen Seite steckt man etliche Stunden in die Erstellung von Content, der dann ein paar Sekunden über die Handys flimmert, und der nächste Beitrag erscheint. Ich glaube am wichtigsten ist, dass man sich einfach nicht mit anderen vergleicht. Wer macht was und mit welchem Erfolg. Das ist absolut verschwendete Lebenszeit und sorgt natürlich auch im eigenen Kopf für eine Menge Tumult. Man muss sich auf sich selbst konzentrieren. Das Feedback der Fans ist das was mich antreibt. Zu lesen was meine Kunst mit Menschen macht, ist mein stetiger Motor.
Wie siehst du deine Rolle und Verantwortung innerhalb der LGBTQIA+ Gemeinschaft?
Zuerst bin ich ja auch nur jemand AUS der Community. Ein schwuler Mann der in Drag seine Passion gefunden und gemerkt hat, dass meine Kunstfigur zum Sprachrohr für mich wurde. Ich bin nicht repräsentativ für eine ganze Community die so bunt gestreut ist. Ich bin aber ein stolzer Teil davon, weil wir den Kampf um Gleichberechtigung weiterführen den vor uns schon Menschen bestritten haben. Ich trage so gut es geht meinen Teil dazu bei, dass sich Kinder irgendwann nicht mehr schlecht fühlen, wenn sie nicht mit “geschlechtertypischen” Spielzeug spielen. Wenn Jungs sich die Nägel lackieren wollen und Mädchen Fußball spielen. Ich möchte an Eltern appellieren, ihren Kindern die Flügel nicht zu stutzen, damit diese sich frei entfalten können. Wie meine Eltern es getan haben und mir somit ein sicherer Hafen errichtet wurde. Ich freue mich, wenn Menschen durch mich erkennen, dass Liebe, Empathie und auch ein respektvolles Miteinander durchaus starke Waffen sein können.