Lieber Jannes, mit 20 Jahren wurdest du der jüngste Kreistagsvorsitzende, den Friesland je hatte. Wie hast du überhaupt den Weg in die Politik gefunden?
Angefangen hat das Interesse bei mir mit etwa 14 Jahren. Meine ehemalige Kindergärtnerin und jetzige stellvertretene Landrätin Marianne Kaiser-Fuchs hat mich anfangs zu einigen Partei-Sitzungen mitgenommen. Ich fand die Idee faszinierend, unmittelbare Veränderungen für das Leben vor Ort zu erreichen. Ungefähr zeitglich begann in Europa die sogenannte Migrationskrise. Das war ein Thema, welches mich sehr beschäftigt hat, gerade weil ich mir die Frage stellte, wie wir eine solche Aufgabe gemeinschaftlich bewältigen können.
Was treibt dich persönlich an, sich so intensiv für LGBTQIA+ Rechte und den Pride-Month zu engagieren?
Als schwuler Mann möchte ich in einem Land leben, in dem jedem Menschen die gleichen Rechte nicht nur garantiert werden, sondern auch aktiv gelebt werden. Nicht jeder hat das Glück, in einem so toleranten Umfeld wie ich aufgewachsen zu sein. Als Mensch, der eine Stimme in der Öffentlichkeit hat, möchte ich meinen Einfluss nutzen, um auch diesen Menschen beizustehen. Für mich persönlich ist es eine Selbstverständlichkeit, mich als politisch aktiver Mensch für die Rechte der Community einzusetzen.
Wie steht es um das Wohlbefinden der queeren Community in Friesland und in der Region darüber hinaus?
Insgesamt leben wir auch im ländlichen Raum sehr weltoffen und tolerant. Ich hatte nie das Gefühl, dass Friesland Städten wie Oldenburg oder Hamburg dabei in irgendetwas nachsteht. Woran es allerdings fehlt, ist ein breites Beratungsangebot sowie Anlaufstellen für queere Menschen. Mit der Gründung der Queeren Beratungsstelle konnten wir einen ersten Beitrag leisten, um diesen Bedarf zu stillen.
Welche Maßnahmen und Initiativen planst du, um die Rechte und das Wohlbefinden der LGBTQIA+ Gemeinschaft in Friesland zu fördern?
Zu nennen ist vordergründig die Eröffnung der Queeren Beratungsstelle. Diese Institution soll es Menschen aus der Community sowie allen Angehörigen ermöglichen, auf ein umfassendes Beratungsangebot zurückzugreifen. Für eine ländliche Kommune ist eine solche Initiative ein absolutes Novum. Wir sind daher sehr gespannt, wie dieses Angebot angenommen wird.
Wie läuft die Zusammenarbeit mit lokalen Organisationen und der Zivilgesellschaft in Friesland, um queerpolitische Anliegen voranzubringen?
Wir können schon jetzt auf ein breites Netz an aktiven Unterstützern in der Region zurückgreifen. Ein Großteil der Arbeit besteht auch für die Beratungsstelle in der Vernetzungsarbeit, um weitere Partner zu gewinnen.
Wie wichtig ist dir die Bildungsarbeit in Schulen und Gemeinden hinsichtlich LGBTQIA+ Themen und welche Projekte sind in diesem Bereich geplant?
Die Beratungsstelle wird auch den Schulen im Landkreis ermöglichen, eine Kooperation einzugehen, um Aufklärungsarbeit an den Schulen zu leisten. Wir müssen schon hier ansetzten, um Aufklärungsarbeit zu leisten.
Was bedeutet der Pride-Month für dich persönlich und für die LGBTQIA+ Gemeinschaft in Friesland?
Der Pride-Month steht natürlich auch für gute Laune und Spaß, verbunden mit den zahlreichen CSDs in der Region. Darüber hinaus sollten wir uns aber auch immer die Gründe für diesen Monat vergegenwärtigen: es geht um den Kampf für die Rechte unserer Community! Die Bedrohung von Rechtsradikalen in Deutschland und Europa ist größer geworden, ebenso der erstarkende islamistische Fanatismus. Es gilt daher für unsere grundgesetzlich verbürgten Rechte nach außen hin einzustehen, aber auch den Zusammenhalt in der Community zu stärken.
Ganz provokativ gefragt: Ist der Pride Month in Deutschland überhaupt noch nötig?
In der heutigen Zeit ganz besonders. Die eben beschriebenen Tendenzen bedrohen die Community ganz besonders. Wir müssen ein breites Bündnis aus Zivilgesellschaft und Politik formen, um dem entgegenzuwirken.
Welche Rolle spielt der Kreistag bei der Unterstützung und Durchführung von Pride-Veranstaltungen in der Region?
Als Beschlussorgan des Landkreises entscheidet er auch über politische Anliegen, wie der Gründung der Queeren Beratungsstelle. Gerade kommunalpolitisch ist er daher ein wichtiger Akteur bei der Umsetzung queerer Projekte.
Welche Botschaft möchtest du der LGBTQIA+ Gemeinschaft in Friesland und darüber hinaus zum Pride-Month mit auf den Weg geben?
Lasst uns gemeinsam auftreten: solidarisch und in Vielfalt geeint. Insbesondere innerhalb der Community darf kein Platz für Hass und Ausgrenzung bestehen. Nur so können wir für die Stärkung unserer Rechte eintreten.