Isaak, schön, dass du dir die Zeit genommen hast. Und das nach einem Auftritt und einer 9-stündigen Autofahrt aus Saarbrücken. Hat der Eurovision Song Contest überhaupt vorher in deinem Leben eine Rolle gespielt?
Überhaupt nicht. Wir haben das sicher früher mal mit der Familie geschaut, aber das letzte Mal, dass ich den ESC geschaut habe, ist bestimmt 10 oder 15 Jahre her.
Deinen eigenen Auftritt hast du aber bestimmt schon gesehen, oder?
Also ich habe mir den tatsächlichen Auftritt noch nie in voller Länge angeschaut.
Man schaut sich ja aber zumindest vorher das Staging so ein bisschen an.
Ja genau, dann setzt man sich zusammen, mit dem ganzen Team, und schaut sich das an und beurteilt den Auftritt. Aber den Final-Auftritt habe ich noch nicht in voller Länge gesehen, aber ich wusste ja wie es aussieht.
Wie hast du dich auf den Song Contest vorbereitet? Anders als auf andere Auftritte?
Man kann es nicht wirklich mit anderen Auftritten vergleichen, alleine schon wegen der ganzen Promo. Erstmal der Deutsche Vorentscheid. Danach hast du diesen Song hunderte Male gesungen, warst viel unterwegs, hast Interviews gegeben, Radio-Promo gemacht, Auftritte gespielt und dann überall diesen Song gesungen. Dann kamen die offiziellen Soundchecks, wir haben eine neue Aufnahme von „Always on the Run“ gemacht. Der Song war allgegenwärtig und saß natürlich. Ich wusste, wie ich ihn zu singen habe. Ich weiß nicht genau, wie oft, aber alleine in Malmö waren es bestimmt 50 Performances. Halbfinale, Generalprobe, Presse und Proben ohne Publikum.
Ein typischer Tag beim ESC. Kannst du den beschreiben?
Das war immer komplett unterschiedlich. Es gab aber keine Rituale oder sowas. In diesem Jahr auch eher weniger gemeinsame Aktivitäten mit den anderen Kandidaten. Man hatte tatsächlich wenig Kontakt zu den anderen. Das war schon alles recht politisiert dieses Jahr. Die einen waren für die Teilnahme Israels, die anderen dagegen. Viele haben irgendwie versucht, ein politisches Statement abzugeben. Und kam noch der Eklat rund um Joost Klein aus den Niederlanden dazu. Und ich wollte die ganze Zeit einfach nur Musik machen. Leute von der NDR-Delegation haben sich sogar bei mir entschuldigt, weil die Stimmung so anders war dieses Jahr. Kein Vergleich zu Liverpool 2023 zum Beispiel.
Wie würdest du deine ganze Erfahrung des ESC zusammenfassen? Wie ist es als Künstler, dabei zu sein?
Es war sehr aufregend. Vieles war auch sehr stressig. Eine Herausforderung.
Hast du dir das im Vorfeld so vorgestellt?
Nein, man kann sich den ESC nicht wirklich vorstellen. Er übertraft auf jeden Fall meine Erwartungen. Eine Sache, die ich nicht erwartet habe, war, wie stressig er ist. Aber ich bin anscheinend einfach ein Typ dafür, habe viel Energie. Der ESC hat mich nicht überfordert, weil ich vielleicht auch schon mit einer gewissen Übererwartung darangegangen bin.
Was für ein Feedback hast du auf deinen Auftritt bekommen?
Viele Feedbacks. Das Lustigste war, das habe ich vorher noch nie erlebt, dass Leute, die mich vorher nicht mochten, also dieses typische „Wie kann man nur so einen schicken?“ oder „Deutschland Null Punkte“. Diese Menschen haben sich teilweise in Kommentaren und Dms entschuldigt und gesagt haben, sie hätten es völlig falsch eingeschätzt.
Ja, ich habe das in einem Artikel mal als „German Gemecker“ bezeichnet, wenn es um den ESC geht. Das gehört wohl leider ein bisschen dazu.
Wie gehst du denn mit Kritik im Allgemeinen um? Und was würdest du anderen in diesem Punkt raten oder muss hier jeder seine eigene Strategie finden?
Mein Ratschlag ist, die Perspektive zu ändern und die ganze Sache unemotional zu betrachten. Gut, da sind Leute, die haben aus irgendeinem Grund ein Problem mit mir. Am Ende helfen viele Kommentare und Reaktionen aber auch wieder meinem Algorithmus und dass mehr Menschen meine Musik hören.
Wie gehst du damit um, bekannt zu sein? Ich habe von vielen Künstlerinnen und Künstlern schon gehört, dass es doch Paradox sei, immer auf Ruhm hinzuarbeiten und wenn man ihn dann hat, lieber unerkannt bleiben zu wollen.
Ja, ich denke Bekanntheit ist hier das Mittel zum Zweck. Nämlich von seiner Musik leben zu können. Dabei ist es wichtig, freundlich zu bleiben und sich bewusst zu sein, dass man viele der Menschen nur einmal im Leben sieht. Geht das dann schief, bin ich für diese Person, auf Grund einer Situation, das ganze Leben lang ein Idiot. Das ist unfair, das gilt es zu vermeiden. Es gibt nur eine Situation, da behaare ich auf meine Privatsphäre und das ist im Restaurant. Da dann Selfies zu machen, da streike ich.
Was kommt jetzt in Zukunft? Was steht an? Vielleicht eine zweite ESC-Teilnahme?
Nein, die kommt nicht. Es wird eine Tour im November mit 12 Terminen in Deutschland kommen. Neue Musik kommt eine Menge, ich schreibe Songs, trete auf, mache Musikvideos, Shows und Interviews. Im Prinzip mache ich das Selbe wie vorher, nur in einer anderen Geschwindigkeit. Ich will auch weiter Straßenmusik machen, auch wenn das schwieriger wird. Wir sind mit der Familie mit dem Auto nach Bulgarien gefahren und ich habe auf dem Weg runter Straßenmusik gemacht. In Prag zum Beispiel haben mich noch sehr viele Leute erkannt, aber je weiter wir runterfuhren, desto weniger wurde das auch.
Du bist ja nun offiziell Teil der großen ESC-Familie. Das wirst du wahrscheinlich jedes Jahr im Frühjahr wieder merken, wenn die Vorentscheide starten. Dann wird man dich da nun öfter sehen?
Das kommt immer ein bisschen auf den Rahmen an. Ich supporte das Thema ESC auf jeden Fall, bin aber kein Fan von diesem „Sehen-und-Gesehen-werden“. Ich bin auch kein Fan von roten Teppichen. Wenn der NDR mich fragt, bspw. am kommenden Vorentscheid als Gast mitzuwirken, dann gerne, aber ich würde dann auch gerne auftreten, mit meiner Musik.