FRÜHJAHRSAUSGABE 2024
01 | 2024
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PS IM BLUT: PAUL SCHOCKEMÖHLE

VON ANDREAS UNTERBERG

INTERVIEW Springreiter Paul Schockemöhle über seine Karriere, seine Pferde und heutige Herausforderungen im Springreiten

Mühlen/Steinfeld - PS, also Pferdestärken oder auch Paul Schockemöhle. Kein anderer Name steht in Deutschland so sehr für den Reitsport und Erfolge im Springreiten wie Schockemöhle. Paul Schockemöhle und sein älterer Bruder Alwin Schockemöhle haben viele Trophäen nach Hause gebracht. Bronze, Silber, Gold, auch bei den Olympischen Spielen. Im Interview gibt der heute 78-jährige Paul Schockemöhle private Einblicke und teilt persönliche Erinnerungen zu seinem Leben.

Herr Schockemöhle, sie sind sechs Mal Deutscher Meister im Springreiten gewesen. Das erste Mal sind sie auf Talisman geritten. Alle anderen Meisterschaften haben sie mit ihrem Pferd Deister gewonnen. Ein Denkmal zu Ehren ihres Pferdes findet sich in Osterbruch bei Cuxhaven. Wie denken Sie an diese Tiere zurück?

Mit großer Dankbarkeit denke ich an alle Pferde zurück, mit denen ich mich beschäftigt habe, ganz besonders natürlich an meinen legendären Deister, der sein Denkmal an seinem Geburtsort redlich verdient hat! Die Pferde, mit denen ich im Sport unterwegs war, waren alle sehr unterschiedlich, aber genau das macht den Reitsport ja aus, dass es kein Schema F gibt, dass man in das Pferd hineinhorchen muss, wie und auch wann man mit ihm bestmögliche Leistungen zeigen kann. Bei Deister hat es sehr lange gedauert, bis er sich im Parcours richtig konzentrieren konnte – er hatte zunächst das gesamte Umfeld auf dem Turnier im Auge und war übereifrig. Als er gelernt hatte seinen Blick auf die Hindernisse zu fokussieren, war er, auch Dank seiner Freude am Springen und seinem Ehrgeiz, seinerzeit fast unschlagbar.

Als Teilnehmer an den Olympischen Spielen haben Sie sicherlich viele einzigartige Erfahrungen gesammelt. Welche Erinnerungen an die Olympischen Spiele sind Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Olympische Spiele sind der Traum eines jeden Sportlers und das war und ist auch für mich heute noch so. Elf Olympische Spiele durfte ich miterleben, erstmalig als Pferdepfleger für meinen Bruder Alwin in Mexiko 1968, danach als Reiter, in Montreal 1976 und Los Angeles 1984 wo ich Silber und Bronze mit der deutschen Mannschaft gewinnen konnte. Ab Seoul 1988 war ich als Trainer für verschiedene Nationen auf weiteren 9 Olympischen Spielen aktiv, zuletzt in Tokio 2021 als Trainer der Japaner. Auch die Olympischen Spiele Paris sind geplant – als Trainer einzelner Reiter. Besonders habe ich Seoul 1988 in Erinnerung, wo ich zwar aufgrund einer Verletzung meines Pferdes Deister leider nicht am Start war, wo aber drei meiner Pferde und Reiter Gold mit dem Team gewannen.

Sie gelten als einer der erfolgreichsten Springreiter. Was, glauben Sie, ist das Geheimnis Ihres Erfolgs und was würden Sie jungen Reitern raten, die in Ihre Fußstapfen treten möchten? Gab es in Ihrer Karriere einen besonders herausfordernden Moment, und wie sind Sie damit umgegangen? 

Das Geheimnis meines Erfolges sind Fleiß und Passion, Tugenden, die aus meiner Sicht noch wichtiger sind, als Talent. Herausfordernde Momente gab es einige für mich, z.B als ich nicht für das Deutsche Team nominiert wurde, obwohl ich nach dem Qualifikationsmodus vorne lag – zu wenig Erfahrung, hieß die Begründung -, oder als ich mein Top-Pferd Askan verkaufte und damit auf Championatsteilnahme verzichtete, denn ich brauchte Geld, und als ich wegen der damals gängigen Trainingsmethode Barren als Tierquäler bezeichnet wurde, was durch ein wissenschaftliches Gutachten widerlegt wurde. Das hatte meinem Ruf sehr geschadet, und auch mich persönlich stark getroffen. Ich habe gelernt, mit herausfordernden Momenten umzugehen, den Mut zu behalten, Anpassungen vorzunehmen, und Verleumdungen - auch wenn es schwerfällt - auszusitzen.

Wie haben sich Ihrer Meinung nach der Reitsport und insbesondere das Springreiten seit Ihren Anfängen verändert?

Pferde-Zucht ist heute meine große Passion und ich versuche Pferde zu züchten, denen der Springsport leichtfällt, die Freude an der Arbeit mit dem Menschen haben, die ehrgeizig und mutig sind, wie damals mein Deister, und die auch von zierlichen Frauen leicht zu händeln sind. Der Springsport hat sich dahin geändert, dass man heute genau diese Pferdetypen braucht, um Erfolge zu erzielen und das mit einem harmonischen Miteinander, mit einem Pferd das es liebt sich sportliche Leistungen zu bringen. Zum Vergleich: Es gibt es auch Hunderassen, die es lieben, eine Aufgabe zu bekommen und zu lösen, die ohne solche Herausforderungen unausgelastet und sicher unglücklich sind, wie zum Beispiel der Australian Sheppert. In der öffentlichen Meinung entwickelt sich leider auch die Meinung, dass Pferde am liebsten nicht geritten werden wollen, sondern lieber in der Natur frei herumlaufen, was in einem Land der entwickelten Welt wohl kaum möglich ist. Pferde wären dann nur noch im Zoo zu sehen. Das wäre sehr schade, zumal nachgewiesen ist, dass Pferde einen hohen therapeutischen Wert für Menschen haben. Der Springsport ist weltweiter geworden. Viele Nationen, die zu meiner Zeit keine Rolle gespielt haben, können heute sogar eine Olympia-Medaille gewinnen, wie das zum Beispiel dem Team Saudi-Arabien in London gelang.

Welches Ereignis oder welcher Sieg in Ihrer Karriere war für Sie persönlich das Highlight und warum?

Das war der Titel Europameister (Einzelwertung) 1981 in München mit Deister, weil das mein erster Sieg in einem internationalen Championat war.

Abseits des Reitsports haben sie schon früh eine unternehmerische Karriere begonnen. Wie sieht Ihr heutiges Leben aus?

Ich habe einige meiner Betriebszweige verkauft, um mehr Zeit für meine Passion Pferdezucht und Reitsport zu haben – schließlich bin ich jetzt 78 Jahre alt. Dennoch kümmere ich mich weiterhin um mein erstes gegründetes Unternehmen, die Paul Schockemöhle Spedition und Logistik. Darüber hinaus bin ich seit ca. 10 Jahren mit dem Bereich Erneuerbare Energien, Solar, Windkraft und Bioenergie beschäftigt – leider nicht sehr erfolgreich aufgrund zu hoher Bürokratie mit nicht endenden Genehmigungsverfahren.