FRÜHJAHRSAUSGABE 2024
01 | 2024
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DER „GEH AUFS GANZE-STAR“ IM EXKLUSIVEN GESCHMACKVOLL-INTERVIEW

VON ANDREAS UNTERBERG

INTERVIEW Jeder kennt sie, die bekannten ZONK-Fanfare aus „Geh aufs Ganze!“, komponiert und produziert von Klaus-Peter Sattler. Die Show wurde aber durch ihren Moderator erst zum großen TV-Hit. Mit dem Fernsehmoderator Jörg Draeger, der vor allem durch die legendäre Spielshow "Geh aufs Ganze!" bekannt wurde, tauchen wir tief in seine faszinierende Karriere und das persönliche Leben dieser Fernsehikone ein. Geboren am 28. September 1945 in Berlin, hat Draeger eine bemerkenswerte Laufbahn hinter sich, die von seinen Anfängen in Spanien, wo er ab seinem vierten Lebensjahr aufwuchs und 1964 sein Abitur in Bilbao absolvierte, bis hin zu seinen Studien in Germanistik, Politikwissenschaft und Theaterwissenschaft an der Freien Universität Berlin reicht. Mit einer Karriere, die sowohl Höhen als auch Tiefen erlebt hat, darunter seine Zeit bei 9Live und die Teilnahme an Shows wie "Let’s Dance" und "Promi Big Brother", bleibt Draeger eine fesselnde Persönlichkeit im deutschen Fernsehen.


Du bist in Berlin geboren und in Spanien aufgewachsen. Wie haben diese unterschiedlichen Kulturen deine Persönlichkeit und Karriere beeinflusst?

Ich bin sicher, dass ich so schon von Kindesbeinen an das Wichtigste im Leben erfuhr: Toleranz!

Vor deiner Fernsehkarriere warst du lange bei der Bundeswehr. Welche Erfahrungen aus dieser Zeit hast du in deine spätere Karriere als Fernsehmoderator einfließen lassen?

Nach der Grundausbildung und den notwendigen Verwendungen bis zum Leutnant (vier Jahre) war ich für die Öffentlichkeitsarbeit, insbesondere die Sicherheitspolitik verantwortlich. Durch große Diskussionsforen mit Andersdenkenden, vor allem den Friedensforschern, habe ich gelernt, diszipliniert in Wort und Geste aufzutreten. Von der Richtigkeit der NATO-Sicherheitspolitik war ich für die damalige Zeit (Ende 60iger, Mitte 80iger) felsenfest überzeugt.

Du begannst deine Fernsehkarriere beim NDR als Nachrichtensprecher. Was hat dich dazu bewogen, von Nachrichten zu Unterhaltungsshows zu wechseln?

Ganz klar das unterschiedliche, (mehrfache) Gehaltsniveau.

Deine größte Bekanntheit erlangtest du durch die Spielshow 'Geh aufs Ganze!'. Was macht für dich den besonderen Reiz dieser Show aus?

Dass ich frei wie von der Angel ohne Haken agieren konnte. Natürlich in Abstimmung mit allen Kollegen. Aber es gab kein Casting, ich wählte selbst die Kandidaten, ich begann das Spiel ohne vorher festgelegt zu haben: ZONK oder Gewinn. Es war einfach ein Spiel, bei dem die Kandidaten und ich die Kamera vergessen haben.

Du bist bekannt für deinen einzigartigen Moderationsstil. Wie hast du diesen Stil entwickelt und was ist dir bei der Interaktion mit den Kandidaten wichtig?

Einen „Stil“ hatte ich nie im Auge, nie gepflegt, es ist der Spaß an der deutschen Sprache, die Spannung, Menschen ein wenig „lenken und verführen“ zu dürfen; immer ohne Häme, nie mit Worten unter dem Gürtel, alles just for fun. Die Kandidaten, ihre Eloquenz, ihre Persönlichkeit, das machte den Reiz der Sendung aus und sie waren die halbe Miete des Erfolgs.

Wie haben sich Gameshows deiner Meinung nach seit deinen Anfängen verändert und was hältst du von aktuellen Trends in diesem Bereich?

Der aktuelle Trend ist gerade für Gameshows fatal: es gibt nur einen richtigen Weg und der ist live on stage. Jeder Schnitt, jede Maßregelung sind fatal. Das setzt natürlich einen entsprechenden Moderator voraus und blindes Vertrauen.

Welche Momente in deiner Karriere als Gameshow-Moderator waren für dich persönlich die denkwürdigsten?

Da gab es zu viele. Während der Sendung, hinter den Kulissen gab es fantastische Augenblicke mit fantastischen Kandidaten. Zweimal konnte ich „kuppeln“ und es wurde geheiratet, aber auch Zoff und Ärger. Eine sympathische Anekdote, die ich gerne erwähne: Der Studioboden war zwei Tage vor der ersten Sendung gerade trocken und über und über mit SAT1 Bällen bemalt. Dann hieß es: alles weg, alles neu. Auf diese Bälle darf nicht getreten werden. So geschah es in der Nacht zuvor. Ergebnis: die Schuhsolen der ersten Kandidaten blieben immer leicht kleben, weil der Boden nicht trocken war.

Du engagierst dich für die Deutsche Kinderhospiz- und Familienstiftung. Kannst du uns mehr über deine Arbeit dort und deine Beweggründe für dieses Engagement erzählen?

Dieses Engagement rührt daher, dass ich selbst Vater bin, daher dass ich die Benefizgala des Kinderhospiz mitgestalten darf und moderiert habe. Dort habe ich die Ängste und Sorgen der Eltern und Kinder selbst erfahren selbst gelitten. Dieses Kinderhospiz und somit das Ach und Weh der Kinder und Eltern hängt ausschließlich von Spenden ab, was eine Ungerechtigkeit sondergleichen ist. Daher ist es mir eine Ehre, als ehrenamtlicher Botschafter mitzuhelfen, Spenden zu akquirieren und einen kleinen Anteil meiner Gage abzugeben.

Wie sieht ein typischer Tag im Leben von Jörg Dräger aus, wenn er nicht vor der Kamera steht?

Ich stehe leider immer weit vor 8 Uhr auf, weil ich immer glaube, ich werde gebraucht; wohlwissend, dass das gewiss nicht überwiegend der Fall ist. Frühstück lang und üppig, Post beantworten, anstehende Events und/oder Lesungen vorbereiten. Der neueste Plan: Alexander Herzog, der Stimmgewaltige der 12 Tenöre und ich haben vor, musikalische Lesungen zu präsentieren. Ich lese Märchen und Sagen, Frivoles von Casanova und Alexander singt Arien, neapolitanische Lieder und vieles mehr. Da wir überdies dicke befreundet sind, verspricht dies eine sehr reizvolle Unterhaltung mit viel Spaß an der Freude zu werden.

Du hast an Shows wie 'Let’s Dance' und 'Promi Big Brother' teilgenommen. Wie waren diese Erfahrungen für dich und was hast du daraus gelernt?

„Let‘ s dance“ hat mich gelehrt, damit umzugehen, wenn man schon von Beginn seine eigenen Grenzen aufgezeigt bekommt. Parallel meine allerhöchste Hochachtung vor den Prominenten, die zu Profis mutieren. An dieser Stelle sei mir gestattet zu erwähnen, dass unsere Tochter (Cinzia 22) geradezu prädestiniert dafür ist, weil sie dies alles von Mama und nix von Papa hat.

Was, glaubst du, ist das Geheimnis hinter dem langanhaltenden Erfolg einer Gameshow?

Erfolg kann dir niemand garantieren, du lebst immer mit der Angst, morgen killt dich die Quote. Was du selbst dazu beitragen kannst, ist, dass du im privaten Leben wie im Fernsehen immer du selbst bist und auf dem Boden geblieben.

Welche Pläne und Ziele hast du für die Zukunft, sowohl im Fernsehen als auch in anderen Lebensbereichen?

Ich hoffe, dass ich mich nicht irgendwann „auf die Bühne“ tragen lassen muss, sondern rechtzeitig erkenne: jetzt wird’s lächerlich. Aber ich bin sicher, dass ich Geh aufs Ganze noch mit 100 präsentieren könnte, weil der ZONK und ich eine Symbiose sind. Also gerne nochmal live on stage, vor allem aber gehört den musikalischen Lesungen die Zukunft der Präsentationen. Mein privates Leben ist so allumfassend glücklich mit einer wundervollen Ehefrau. Ich bin in vierter! Ehe bereits 30 Jahre verheiratet mit zwei tollen Kindern, Paulo (27), seit vier Wochen Arzt und Cinzia (22), vorm Bachelorabschluss in „Life Science Engineering.“ 

Alles Weitere? So alt werden wie meine Mama, die ohne Behinderung glücklich 100 Jahre wurde und selbständig in unserem Haus in einem Appartement gewohnt hat. Mit meiner Frau im Reisemobil quer durch Europa und Skandinavien.

Seit 2007 habe ich aufgrund meines Sohnes („Papa, nein“) viermal den Dschungel abgesagt, jetzt 2024 hat sich bei ihm nix geändert, außer dass meine Tochter sagt: „Papa, ich komm mit“.